Editorischer Bericht

Phonographische Dokumente

Bastian Politycki · schriftliche Ausarbeitung, Stand 27.10.2026

Die Protokollierung bzw. Renotation – nachfolgend als Transkription bezeichnet – des Hörspiels und ggf. vorheriger audiophoner Fassungen ist unumgänglich und ein notwendiger Bestandteil einer kritischen Hör- und Audioedition (vgl. 2.1 (Stand 27.10.2026)). Sie dient einerseits der Analyse dieser audiophonen Realisierungen selbst und ermöglicht andererseits vergleichende textgenetische Ansichten, indem das Transkript stellvertretend in die Kollationierung einbezogen wird. Wesentlich für die Transkription des Audiotextes ist die Transponierung der verschiedenen Zeichensysteme in eine schriftsprachliche Codierung. Michael Bartels hat dieses Vorgehen als analytische Notation, in Abgrenzung bzw. Erweiterung zur produktionsästhetischen Notation, charakterisiert, die sich nicht am schriftlichen Manuskript, sondern an der tatsächlichen audiophonen Umsetzung orientiert und zugleich darauf hinweist, dass „je nach Forschungsinteresse [...] unterschiedliche Transkriptionssysteme zum Einsatz kommen“ und die Form der Notation nicht konventionalisiert ist.1 Bisherige Ansätze zur Transkription auditiver Literatur bewegen sich letztlich immer im Spannungsfeld zwischen (freier) verbalsprachlicher Beschreibung und bestimmten konventionalisierten Notationen. So greift Anna Souksengphet-Dachlauer in ihrer Analyse von Texten Heiner Müllers auf ein System verbalsprachlicher Beschreibungen zurück, wohingegen Götz Schmedes sich in seiner Untersuchung der Hörspielarbeiten Behrens’ auf ein komplexes System diakritischer Zeichen stützt.2

Die Transkription in der hier vorgelegten Edition beschreitet einen Mittelweg, der sich im Wesentlichen an den Vorschlägen von Ludwig Bauer orientiert. Die Systematik Bauers „zielt vor allem auf eine leichte Lesbarkeit und Übersichtlichkeit“ und verzichtet auf die exakte phonetische Abbildung.3 Es gelten folgende Konventionen:

  • Geräusche werden verbalsprachlich umschrieben.

  • Musik wird als solche in ihrem Notenwert notiert.

  • Intonatorische Merkmale werden anhand der Geschwindigkeit und Lautstärke analog zu musikalischen Notationsformen vermerkt sowie durch Vermerk besonderer Artikulationsformen ergänzt.

  • Sprechpausen werden gemessen und als solche notiert.

  • Die von Wühr vielfach verwendeten Schnitte zur radiophone Gestaltung werden erfasst. Dabei wird zwischen eindeutig hörbaren und nicht hörbaren Schnitten unterschieden (siehe unten).

Die Rolle des Transkripts der audiophonen Fassung bleibt damit, aus der Perspektive des Editors oder der Editorin und im Vergleich zur Herstellung eines Transkripts skripturaler Dokumente, unverändert: Das Ziel ist eine möglichst objektivierbare Wiedergabe und Produktion eines identischen Textes bei zeitgleicher Dokumentation editorischer (Grundsatz-)Entscheidungen.4 Die Anpassung und Erweiterung des konzeptuellen Modells zur Transkription der Hörfassung erfordert zugleich eine Änderung des logischen Datenmodells. Transkribiert werden keine schriftsprachlichen Zeichen, die sich im topographischen Raum solcher Dokumente lokalisieren lassen, sondern Gesprochenes bzw. Klangliches, die an ein zeitabhängiges Medium gebunden sind. Referenz ist nicht länger die topographische Position des einzelnen Zeichens auf einem Dokument, sondern die zeitliche Anordnung (während der Wiedergabe) auf dem jeweiligen Tonträger.

Zur Annotation des Hörspieltranskriptes und der verschiedenen Zeichensysteme des Hörspiels – worunter im Folgenden Stimme, Geräusche und Musik sowie Stille als audiophone und Schnitte oder Lautstärke als radiophone Zeichensysteme verstanden werden5 – bieten sich die Regeln des Gesprächsanalytischen Transkriptionssystems (GAT) an sowie die Elemente des achten Moduls (Transcription of Speech) der TEI Guidelines.6 Das GAT-System ist im weitesten Sinne eine Sammlung von Regeln, die versuchen, einen Standard zur Transkription von gesprochener Sprache festzulegen. Die Definition und Offenlegung solcher Konventionen zur Übertragung audiophoner Medien ist für eine kritische Hörspieledition, wie die hier präsentierte, unerlässlich. Da es jedoch nicht „das“ System zur Transkription auditiver Textformen gibt, gilt es, eine Auswahl zu treffen:7 GAT bietet sich insbesondere wegen seines modularen Aufbaus sowie der direkten Abbildungsmöglichkeit in TEI-XML an.8 Das konkrete Datenmodell wird in den nachfolgenden Abschnitten erläutert und zugleich im Schema der Edition definiert. Eine einzelne Figuration bildet die Grundeinheit der Transkription (des Hörspiels wie auch des Drucks), das Datenmodell bezieht sich dementsprechend auf die Modellierung eines solchen Transkripts und weicht damit schon im Ansatz vom Datenmodell zur Codierung der textgenetischen Dokumente ab.

Kontextuelle Informationen

Wie in Abschnitt 2.3 (Stand 27.10.2026) festgelegt, sind Metadaten ein zentraler Bestandteil einer jeden kritischen (Audio-)Edition. Diese werden sowohl für das Hörspiel als auch für schriftsprachliche Dokumente im sogenannten <teiHeader> erfasst. Diese Informationen ermöglichen es, das Audiodokument in seinen (archivalischen) Überlieferungs- und Herstellungskontext einzuordnen. Für ein O-Ton-Hörspiel wie So eine Freiheit werden in der hier vorliegenden Edition folgende Daten als relevant für den Herstellungskontext erachtet:

  • Titel des Hörspiels bzw. der einzelnen Figuration

  • Autor*in des Hörspiels

  • Beteiligte an der Produktion des Hörspiels

  • Datum der Erstsendung

  • Rundfunkanstalt, die das Hörspiel produziert und gesendet hat

  • Dauer des Ausschnitts

  • Angaben zur Sammlung der O-Ton-Aufnahmen (bspw. Aufnahmedatum oder -gerät)

Zudem werden weitere Informationen in der TEI-XML-Datei hinterlegt, die das eigentliche auditive Quelldokument beschreiben:

  • Dateiname des Audiodokuments

  • Dateiformat des Audiodokuments

  • Dauer des Audiodokuments (siehe oben)

  • sofern bekannt, Angaben zu weiteren technischen Parametern wie Stereofonie u.ä.

Annotation des Audiotranskripts

Im Abschnitt zu den editorischen Grundlagenentscheidungen (siehe hierzu 6.2.1) der hier vorgelegten Edition wurde festgelegt, dass die einzelne Zeile bzw. der damit korrespondierende Vers die Grundeinheit für die Transkription und Edition bildet. Die Übertragung dieser Einheit auf die Hörspielfassung ist jedoch nicht ohne Weiteres möglich – denn ein Transkript eines Hörspiels gibt als schriftliche Übertragung zwar die verschiedenen Zeichensysteme des TextS wieder. Dieser ist jedoch stets an sein zeitabhängiges Medium gebunden und besteht nicht aus ‚natürlichen’ Einheiten. Diese Einheiten müssen zunächst für den Zweck der Edition festgelegt werden, denn im Kontext der Anfertigung eines Audiotranskripts bedeutet

Transkribieren [...] Abschnitten einer Mediendatei (Audio- oder Videoaufnahme eines Gesprächs) Segmente eines Transkriptionstextes zuzuweisen; damit sind Segmente über ihren Anfangs- und Endzeitpunkt zeitlich der Mediendatei zugeordnet.9

Das GAT-Regelsystem schlägt vor diese Abschnitte entlang sog. Intonationsphrasen zu bilden, was wie folgt begründet wird:

Die Intonationsphrase wird durch einen als kohäsiv wahrgenommenen Tonhöhenverlauf als eine zusammenhängende Einheit gestaltet. Dabei kommt dem intonationsphrasenfinalen Tonhöhenverlauf, d.h. der letzten Tonhöhenbewegung vor dem Ende der Intonationsphrase, eine besondere Bedeutung sowohl für die Wahrnehmung der Intonationsphrasengrenze als auch für die interaktive Funktion der jeweiligen Intonationsphrase zu. Eine Intonationsphrase enthält obligatorisch mindestens eine akzentuierte Silbe, d.h. eine Silbe, die durch eine Intonationsbewegung und/oder Lautstärke und/oder Länge phonetisch hervorgehoben wird und die semantische Bedeutung der Äußerung maßgeblich bestimmt.10

Diese aus linguistischem Forschungsinteresse motivierte Unterteilung erscheint im Kontext einer (genetischen) Hörspieledition, die sich weniger für die sprachliche Detailanalyse, sondern vielmehr für den Hörspieltext als solchen interessiert, nur in Grenzen gewinnbringend. Stattdessen bedarf es einer Möglichkeit der Unterteilung des transkribierten Hörspieltextes, die einen Vergleich der verschiedenen medialen Fassungen erlaubt. Abweichend von dem in cGAT vorgeschlagenen Vorgehen werden die Segmente für die Transkription des Hörspiels analog zu den von Wühr in Einzelzeilen organisierten Einheiten gewählt, wobei diese Struktur in Einzelfällen dem in cGAT vorgeschlagenen Verfahren entsprechen kann. Die Vorlage für die Wahl der Segmente bildet in der Regel F4T. Sofern der Text des Hörspiels über diese Fassung hinausgeht, werden die Segmente anhand von möglichst markanten Stellen im Oszillogramm, wie eindeutig identifizierbaren Pausen, bestimmt und entsprechen damit dem von Schmidt et al. in den cGAT-Regeln geäußerten Vorschlag.

Diese Segmente werden im TEI-codierten Transkript als Zeitpunkte (<when/>) auf einer Zeitleiste im Element <timeline> repräsentiert. Dieses Container-Element enthält eine geordnete Liste von Zeitpunkten, die zur Verknüpfung und Synchronisation des transkribierten Textes mit dem auditiven Quelldokument verwendet werden.11 Die einzelnen <when/>-Elemente werden fortlaufend mit einer sogenannten @xml:id versehen, die eine eindeutige Identifikation innerhalb des einzelnen Dokuments erlaubt. Der erste Eintrag auf der Zeitleiste gibt stets die Zeit seit Beginn des gesamten Hörspiels an, die anschließenden Einträge die verstrichene Zeit seit Beginn der einzelnen Figuration. Die Zählung für die einzelne Figuration beginnt stets bei null. Die Angabe der Zeit erfolgt in Sekunden im Attribut @interval. So ergibt sich beispielsweise für den Anfang der 19. Figuration folgende Auszeichnung:

Das <timeline>-Element wird im <text> der eigentlichen Transkription vorangestellt, die analog zur Transkription der schriftsprachlichen Dokumente in den <body> eingebettet wird. Dieser enthält die eigentlichen (Teil-)Segmente, für deren Auszeichnung als direkte Kindelemente die Tags <annotationBlock>, <incident> und <pause> verwendet werden. Mit <annotationBlock> werden einzelne sprachliche Einheiten gekennzeichnet, die in der Regel einem ‚Vers’ in der gedruckten Fassung entsprechen. Hierzu zählen als Bestandteile der allgemeinen Zeichensysteme die Wortlaute sowie Pausen als auch Beschreibungen der Stimme.12 Ein solcher Annotationsblock wird mit den Attributen @start, @end, @xml:id sowie @synch und @who weiter spezifiziert. Diese erlauben ein Aufbrechen der ansonsten strikt hierarchischen XML-Baumstruktur, wodurch eine Annotation verschiedener Zeichensysteme, die im Hörspiel zeitlich simultan stattfinden, möglich wird. So wird einerseits eine Verknüpfung mit den Zeitmarkern im <timeline>-Element hergestellt als auch eine Synchronisation zwischen einzelnen <annotationBlock>-Elementen.13 Die Transkription der Wörter nimmt dabei keine Korrekturen oder Ergänzungen des Gesprochenen vor. Die Grundeinheit des Transkripts bildet das gesprochene Wort. Die Transkription der einzelnen Worte folgt der standardorthografischen Form, es wird jedoch abweichend hiervon durchgängig Kleinschreibung verwendet. Bei deutlich hörbaren Abweichungen von der Standardaussprache erfolgt die Notation mit Hilfe der sogenannten literarischen Umschrift, einer phonetisch orientierten Wiedergabe des Gesprochenen. Ferner gelten folgende Grundsätze:

  • Häufig vorkommende wortinterne Assimilationen ohne Tilgung werden als nicht signifikante Abweichung gewertet.

  • Verschleifungen zwischen zwei Wörtern werden durch Unterstrich kenntlich gemacht.

  • Unvollständige oder abgebrochene Wörter werden gemäß dem Prinzip der literarischen Umschrift transkribiert und nicht zusätzlich gekennzeichnet.

  • Sprachliche Verzögerungssignale werden als solche transkribiert.

  • Unsichere Lautung wird durch einfache Klammerung gekennzeichnet, gänzlich Unverständliches durch ((unverständlich)).

Mit dem Element <incident> werden hingegen vorrangig Phänomene wie Geräusche oder Musik, aber auch radiophone Bearbeitungen wie Schnitte erfasst. Eine Kategorisierung erfolgt über das Attribut @type. Dem Schnitt kommt in So eine Freiheit eine besondere Rolle zu. Das Hörspiel zeichnet sich einerseits durch den spärlichen Einsatz radiophoner Stilmittel aus, andererseits werden diese als unmittelbare Manipulation des Autors und als zentrales dramaturgisches Gestaltungsmittel eingesetzt. Auf die Erfassung der Schnitte wird daher in der Transkription ein besonderer Wert gelegt. Es wird zwischen nicht hörbaren und hörbaren Schnitten unterschieden.14 Nicht hörbare Schnitte sind solche, die innerhalb von Segmenten oder direkt aufeinanderfolgenden Segmenten vorgenommen werden. Hörbare Schnitte sind solche, bei denen ein Wechsel der Sprecherinnen stattfindet, also das O-Ton-Material zweier Frauen zusammengefügt wird.


  1. Bartel: Akustische Notationssysteme, S. 127.↩︎

  2. Vgl. Souksengphet-Dachlauer: Text als Klangmaterial, S. 77ff.; Schmedes: Medientext Hörspiel. Ansätze einer Hörspielsemiotik am Beispiel der Radioarbeiten von Alfred Behrens, S. 283f.↩︎

  3. Bauer: Intonationszeichen. Notationssystem zur Transkription suprasegmentaler intonatischer Merkmale im filmischen Dialog, hier S. 189; die grundlegende Systematik von Bauer wird in Teilen mit einem von Miriam Spies entwickelten Notationsschema, welches sich an Prinzipien musikalischer Notation orientiert, kombiniert. Siehe zum Vergleich die Magisterarbeit von Miriam Spies, die über das Brinkmann-Archiv eingesehen werden kann: Spies: Poetik und Sprachkritik in Rolf Dieter Brinkmanns ‚Autorenalltag‘.↩︎

  4. Vgl. Sahle: Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels. Teil 1, S. 251.↩︎

  5. Vgl. hierzu Abschnitt 4.1.↩︎

  6. Vgl. Selting u. a.: Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2) sowie TEI Consortium: TEI P5. Guidelines for Electronic Text Encoding and Interchange. Att.Poin­ting.Group.↩︎

  7. Vgl. Kanzog: Sprechakt und Zeichensetzung, hier S. 83; für eine Übersicht weiterer Systeme siehe Schmidt: A TEI-based Approach to Standardising Spoken Language Transcription.↩︎

  8. GAT wird hier in der Minimalvariante cGAT verwendet; vgl. Schmidt u. a.: cGAT. Konventionen für das computergestützte Transkribieren in Anlehnung an das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem 2 (GAT2), S. 10ff.↩︎

  9. Schmidt u. a.: cGAT. Konventionen für das computergestützte Transkribieren in Anlehnung an das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem 2 (GAT2), S. 6.↩︎

  10. Selting u. a.: Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2), S. 370.↩︎

  11. Vgl. hierzu auch TEI Consortium: TEI P5. Guidelines for Electronic Text Encoding and Interchange. 16.1 Links.↩︎

  12. Vgl. Souksengphet-Dachlauer: Text als Klangmaterial, S. 85.↩︎

  13. Worte und Stimme werden getrennt voneinander annotiert, was für die weitere Verarbeitung eine Synchronisation erfordert.↩︎

  14. Vgl. Maier: Das Hörspiel. Eine technische Kunstform?, S. 237ff.↩︎