Im Folgenden wird insbesondere das pluralistische Textmodell von Sahle als Grundlage für die editorische Konzeption herangezogen, welches sich durch seine immanente Offenheit auch für mehrmediale Werkkomplexe wie So eine Freiheit nutzbar machen lässt, ohne mit darin angelegten Grundannahmen brechen zu müssen.
Um das pluralistische Textmodell für die editorische Erschließung von So eine Freiheit operationalisieren zu können, bedarf es einer näheren Betrachtung der einzelnen Perspektiven des Textrades und ihrer spezifischen Anwendung. Diese spiegeln dort jeweils verschiedene Aspekte wider: TextD repräsentiert die materiell-medialen Aspekte der Dokumente, die Rezeption und Wirkung maßgeblich steuern. Hierzu gehören neben Aufzeichnungs-, Speicher- und Sendetechnologien auch gestalterische Aspekte schriftlicher Hörspielmanifestierungen. „Der Text ist hier nicht nur Zeichenkette, sondern ein mehrdimensionaler Schriftraum mit vielfältigem Ausdrucksrepertoire.“1 Es geht hier also darum die verschiedenen Dokumente – dazu zählen hier neben Manu- und Typoskripten eben grundsätzlich auch Tonbänder bzw. digitale Abbilder eben dieser Bänder – in ihrer Materialität wie Medialität selbst als Text zu begreifen. Im Textrad diagonal steht dem ein Verständnis von Text als Werk (TextW) gegenüber, das die verschiedenen Realisierungen (TextF) wie Druck- oder Hörfassung umspannt.2 TextD wie auch TextF lassen sich am ehesten mit dem editorischen Verständnis von Text, wie es sich bei Gunter Martens wiederfindet, übereinbringen. Der Text ist hier in den verschiedenen Realisierungen eines Werkes sowie in der Identität und Varianz dieser vorzufinden. Druck- und Hörfassung sind ebenso Teil des Textes wie die Vielzahl der schriftlichen und phonographischen Vorarbeiten, in denen sich Wührs poetologisches Modell ebenso wie sein Schaffensprozess ablesen lässt. Unter TextZ findet sich hingegen ein (weites) semiotisches Verständnis von Text, welches „Texte als Menge von Zeichen“ versteht, zunächst einmal unabhängig von der jeweiligen medialen Realisierung.3 Abzugrenzen davon sind die beiden übrigen Sichten auf Text: TextS steht stellvertretend für das zum Eingang dieses Abschnitts erläuterte Textverständnis – wohingegen TextI den Inhalt beziehungsweise die Idee „jenseits von Sprache und Dokument“ als Text versteht, was in der editorischen Praxis jedoch zunächst einmal nachrangig ist, denn nur
wenige Editoren gehen in ihrem Selbstverständnis so weit, mit ihrer Ausgabe die Textidee unabhängig von allen vorliegenden sprachlichen Ausformungen realisieren zu wollen.4
Fassung und Textschicht
Auf der Meso- und Mikroebene werden hier die Begriffe der Fassung sowie der Textschicht verwendet. Eine Fassung ist zunächst eine Art ‚Zwischenform‘, die sich zwischen der abstrakten Größe des Werks und der konkreten textuellen Ausprägung in einzelnen Dokumenten bewegt. Letztlich ist eine Fassung also selbst eine abstrakte Einheit und damit aus dieser Perspektive ebenso immateriell.5
Die Anwendung dieses terminologischen Modells innerhalb der Edition wird nachfolgend am Beispiel der 19. Figuration erläutert:6 Die Arbeit an den einzelnen Figurationen, die während der zweiten endogenetischen Arbeitsphase beginnt, hat ihren Ausgangspunkt zunächst in einer handschriftlichen Schreibszene. Mit blauem Kugelschreiber entwirft der Autor auf dem Dokument mit der Identifikationsnummer 19F1-UMa-108 zunächst den Anfang der 19. Figuration. Daran schließt sich eine Bearbeitung mit rotem Stift an, die eine neue Textschicht zum Textträger hinzufügt. Hier werden mit Zeller verschiedene Teile hand- oder maschinenschriftlicher Niederschrift als Textschichten verstanden, die sich durch graphische Eigenschaften von anderen Teilen (Schichten) desselben Dokuments unterscheiden:
durch eine andere Hand [...], bei derselben Hand durch andern Schreibstoff (z.B. Tinte über Bleistift, verschieden gefärbte Tinten) oder durch ein anderes Schreibgerät (z.B. dickere Feder über dünnerer Feder) oder durch anderen Duktus [...] oder durch mehrere dieser Unterscheide zugleich. Verschiedene Schichten bedeuten in der Regel verschiedene Arbeitsstadien.7
Im Falle von 19F1-UMa-108 lassen sich die Schichten eindeutig durch die Differenzierung der verschiedenen Schreibgeräte sowie die Markierungen in roter Farbe, die sich auf die Niederschrift in blauer Farbe beziehen, in eine Grundschicht und eine Bearbeitungsschicht unterteilen. Das textuelle Resultat der beiden Schichten bildet gemeinsam die erste konkrete Fassung der 19. Figuration.8 Diese handschriftlich verfasste Niederschrift nutzt Wühr als Grundlage für die Einrichtung einer neuen Schreibszene. So sichert der Autor zunächst diesen Text in maschinenschriftlicher Form auf 19F2-M491-124. Dieses Typoskript ist der Ausgangspunkt für eine Reihe von weiteren Fassungen: Die maschinenschriftliche Grundschicht jenes Dokuments entspricht der 2. Fassung der 19. Figuration, während der Durchschlag dieses Typoskripts (19F3-SeF-046) als dritte Fassung hiervon abzugrenzen ist. Über die Kenntnis des Produktionskontextes (siehe 3.2) lässt sich zudem schließen, dass die handschriftlichen Überarbeitungen auf 19F2-M491-124 nicht der 2. Fassung zuzuordnen sind, sondern das Resultat eines wesentlich später ansetzenden Überarbeitungsprozesses darstellen. Die maschinenschriftliche Grundschicht samt der handschriftlichen Bearbeitungsschichten sind der 4. Fassung der 19. Figuration zuzuordnen.
Die Be- und Überarbeitungsprozesse einzelner Figurationen weichen zum Teil stark voneinander ab, wodurch zwangsläufig eine Unterscheidung von absoluter und relativer Chronologie auf höherer Ebene notwendig wird. Eine eindeutige Differenzierung konkreter Fassungen ist aber nur im Rahmen einzelner Figurationen möglich, wohingegen die Fassungen, die der Übersicht halber in Abbildung 3.1 (Stand 27.10.2026) im zeitlichen Verlauf aufgetragen werden, als abstrakte Fassungen zu verstehen sind.
Sahle: Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels. Teil 2, 28.↩︎
Eine detaillierte Problematisierung des editorischen Werkbegriffs in Bezug auf das Fallbeispiel erfolgt im nächsten Abschnitt (4.2).↩︎
Sahle: Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels. Teil 2, S. 43.↩︎
Sahle: Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels. Teil 2, S. 41.↩︎
Vgl. Kondrup: Text, Werk und Peritext, S. 8.↩︎
Zur Arbeitsweise und Entstehung der einzelnen Figurationen vgl. 3.2, insbesondere 3.2.2 (Stand 27.10.2026).↩︎
Zwischen Fassung und Textschichten besteht immer eine 1:n-Beziehung. Ebenso gilt eine 1:n-Beziehung zwischen Dokument und Textschichten sowie zwischen Dokument und Fassungen.↩︎