Editorischer Bericht

Texttypen

Bastian Politycki · schriftliche Ausarbeitung, Stand 27.10.2026

Paul Wührs 20-jähriger Arbeitsprozess an So eine Freiheit hat ein heterogenes Materialkorpus produziert, das aus verschiedenen Dokumenttypen zusammengesetzt ist. Die Einzeldokumente unterscheiden sich allerdings nicht nur durch ihre Media- und Materialität, sondern ebenso durch inhaltlich-semantische Aspekte. Hieraus lassen sich Gruppen verschiedener Texttypen ableiten, die wiederum den einzelnen Arbeitsphasen des Autors zuzuordnen sind. Um diesen Umstand für die editorische Erschließung sowie die anschließende textgenetische Untersuchung und Präsentation nutzbar zu machen, bedarf es einer Typologie, die eine möglichst eindeutige und spezifische Kartierung erlaubt.

Die Editionswissenschaft hat, unabhängig von der jeweiligen Schule, allgemeine Beschreibungsmodelle zur Unterscheidung vorgeschlagen, die in ihrer Allgemeinheit allerdings nur punktuell anwendbar sind. Mit Grésillon wäre beispielsweise zunächst einmal zwischen planend-konzeptuellen und linear-textuellen Dokumenten bzw. Texten zu differenzieren.1 In Anwendung auf das konkrete Fallbeispiel ist allerdings fraglich, wie sich in dieses Schema die zunächst vorgenommenen Selektionen einordnen lassen, die im Verhältnis zum späteren Werk weder planend-konzeptuell noch linear-textuell sind. Für die textgenetische Modellierung bedarf es hingegen einer fallspezifischen Typologie. Aufbauend auf der Sichtung und Untersuchung des Materials sowie zuvor erwähnten Studien zur Arbeitsweise Wührs kann heuristisch zwischen folgenden Texttypen unterschieden werden: Interviews bzw. Tonbändern, Transkripten, Selektionen, Notizen, Skizzen, Schleifen, Figurationen, Paralipomena sowie Epitexten. Zu ergänzen ist diese Einteilung noch um die veröffentlichten Textformen Druck und Hörspiel. Die nachfolgenden Abschnitte beschreiben die Heuristik anhand des nicht veröffentlichten Materials.

Tonbänder

Die auf 21 Tonbändern aufgenommenen Interviews bilden die Grundlage des anschließenden Arbeitsprozesses. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte fließt das Material der Tonbänder nicht in die Edition ein und wird auch nicht in eine schriftsprachliche Transkription übertragen. Eine beispielhafte Beschreibung des Materials findet sich in der Überlieferungsbeschreibung (siehe 3.3.3.3).

Interviewtranskript

Über das nicht erhaltene Transkript der Interviewaufnahmen lassen sich keine gesicherten Aussagen anstellen. Es ist anzunehmen, dass die einzelnen Tonbänder die Grundeinheit für die Transkription darstellten. Die aus einem anderen Typoskript ausgeschnittenen Einzelstellen des Klebetyposkripts weisen darauf hin, dass dieses Transkript maschinenschriftlich erstellt und bereits in dieser frühen Form die Versform als charakteristisches Merkmal der schriftlichen Transponierung verwendet wird.

Selektion

Die Selektionen belegen als frühestes noch erhaltenes schriftliches Material den Beginn der Textproduktion. Im unmittelbaren Anschluss an die angenommene vollständige Transkription beginnt Wühr hier mit der Bearbeitung des Textes, die sich in der Auswahl und der Variation im Vergleich zum Interviewtext widerspiegelt. Der Autor erarbeitet die Selektion des gesammelten Materials sowohl maschinen- als auch handschriftlich (Abbildung 5.1). Grundeinheit der Selektionen sind die einzelnen Interviews sowie die korrespondierenden Tonbandaufnahmen. Einzelne Ausschnitte werden hier bereits – unabhängig von ihrer medial-materiellen Ausführung – bewusst in Versform arrangiert und sind in aller Regel linear fortlaufend sortiert, erkennbar an der jeweils in einer linken Marginalspalte notierten Abspielposition des Tonbandgeräts.

li: handschriftliche Selektion; re: maschinenschriftliche Selektion
li: handschriftliche Selektion; re: maschinenschriftliche Selektion
li: handschriftliche Selektion; re: maschinenschriftliche Selektion

Die Interviews werden inhaltlich hier nur noch in ihren Grundzügen wiedergegeben. Zwischen Interview und Selektion entsteht im Falle der maschinenschriftlichen Auswahl insbesondere durch das zum Teil veränderte Arrangement der Einzelstellen eine erkennbare Varianz. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass die maschinenschriftliche Selektion als so genanntes Klebetyposkript nach der handschriftlichen Auswahl angefertigt wurde.2 Bei der maschinenschriftlichen Übertragung variiert der Autor noch einmal einzelne Stellen und abstrahiert den ursprünglichen Text im Vergleich zur handschriftlichen Niederschrift erneut, wodurch der selektierte Text in einem anderen Maße als zuvor auf Distanz gestellt und depersonalisiert wird; so auch im in Abbildung 5.1 gezeigten Beispiel. Wühr vermerkt hier für die Stelle 16/330 handschriftlich zunächst einen wesentlich umfangreicheren Ausschnitt im Vergleich zur maschinenschriftlichen Selektion. Dort wird dieser noch einmal reduziert und in zwei einzelne Fragmente aufgespalten, wodurch der vormalige Kontext des Interviews – hier die Umstände des Kennenlernens – verloren geht.

Notizen und Skizzen

Notizen werden von Wühr entweder im Stil kurzer Notate verfasst, die direkt auf den Text bezogen sind oder einzelne Textstücke enthalten, oder als metatextuelle Anmerkungen, die den inneren Dialog des Autors widerspiegeln. Beide Formen sind ausschließlich handschriftlich verfasst. Der Stil der einzelnen Notizen weicht teilweise stark voneinander ab und ist stets fallspezifisch.

li: Notiz am Beispiel einer Sammlung zum Thema Kälte; re: metatextuelle Notiz mit Verweis auf das Preislied
li: Notiz am Beispiel einer Sammlung zum Thema Kälte; re: metatextuelle Notiz mit Verweis auf das Preislied
li: Notiz am Beispiel einer Sammlung zum Thema Kälte; re: metatextuelle Notiz mit Verweis auf das Preislied

Charakteristisch für einen Großteil der nicht-metatextuellen Notizen ist ein verkürzender und bisweilen stichwortartiger Stil. So werden, wie in Abb. 5.2 gezeigt, einzelne Textstücke zu einem Thema gruppiert; der Autor vermerkt lediglich die zentralen Aussagen der Einzelstellen. Die Grenzen zwischen diesen thematischen Notizen und den zuvor beschriebenen Selektionen sind fließend.

Im Kontext der metatextuellen Anmerkungen reflektiert Wühr sowohl den Aufbau als auch die Gestaltung von So eine Freiheit und zieht zugleich immer wieder Querverbindungen zu seinen weiteren O-Ton-Arbeiten. Kennzeichnend für diesen Texttyp ist ein verkürzender Sprachstil, der über einzelne Stichpunkte hinausgeht. Skizzen sind im Verhältnis dazu deutlich komplexer. Der Autor entwirft hier, auch im Vergleich zu den Selektionen, bereits konkrete Teile einzelner Werkbestandteile, in aller Regel beschränkt auf einzelne Figurationen. Im Gegensatz zu den Selektionen, die sich stets auf die Ebene des einzelnen Interviews beschränken, enthalten die Skizzen bereits thematische Komplexe verschiedener Interviewaufnahmen, die aber mehr als Präskription und nicht als konkrete Niederschrift einer Figuration zu verstehen sind.

Niederschrift / Figuration

Während der zweiten endogenetischen Arbeitsphase entstanden neben vorbereitenden und reflektierenden Notizen im Wesentlichen die Niederschriften der einzelnen Figurationen. Diese sind im Unterschied zu den zuvor angefertigten Selektionen dadurch gekennzeichnet, dass die Chronologie eines einzelnen Tonbandes aufgebrochen wird und durch die Kombination einzelner Segmente eine neue ‚Erzählung‘ entsteht. Als handschriftliche oder auch maschinenschriftliche Niederschrift sind die Figurationen Ausführungen des Werkes (TextW) auf mesogenetischer Ebene – hier verstanden als (Ab-)Fassung einer Figuration – und konstituieren je Figuration so eindeutig aufeinander beziehbaren TextF. Diese klar voneinander abzugrenzenden Fassungen werden durch die Siglierung jeder Figuration durchgezählt. Enthält ein Textträger eine Figuration in mehreren Fassungen, werden für diesen Textträger entsprechend mehrere Siglen vergeben.

Die Fassungstexte der Figurationen bilden die Gesamtmenge für die Kollationierung und dienen damit als Textgrundlage für das textgenetische Labor und den dort präsentierten Apparat.

Schleife

li: linear-organisierter Schleifentext; re: Schleifentext in Relation zum Haupttext
li: linear-organisierter Schleifentext; re: Schleifentext in Relation zum Haupttext
li: linear-organisierter Schleifentext; re: Schleifentext in Relation zum Haupttext

Die sogenannten Schleifen sind, wie auch die Figurationen, dadurch gekennzeichnet, dass hier selektierte Ausschnitte mehrerer Tonbänder neu ineinander verwoben werden. Im Unterschied zu den einzelnen Figurationen konstituieren die Schleifen jedoch nicht den Haupttext, sondern fungieren als begleitende Textsorte (siehe Abschnitt 3.2.2 (Stand 27.10.2026)). Diese begleitenden, vom Autor wiederholt verwendeten Textstücke werden entweder als linear fortlaufender Text entworfen oder unmittelbar mit Blick auf die radiophone Realisation als räumliche Anordnung gestaltet. Wühr nutzt dann sowohl die räumliche Position eines Textausschnitts, aber auch die Farbe des Schreibgeräts, um das Verhältnis von Vorder- und Hintergrundstimme anzuzeigen. Der Schleifentext antizipiert die ursprünglich angedachte radiophone Gestaltung und wird hier als eigener Texttyp verstanden.

Für den Vergleich verschiedener Fassungen wird der Text der Schleifen als Teil der jeweiligen Figurationen in seiner dort integral abgefassten Form berücksichtigt.

Paralipomena

Als Paralipomena gelten vorderhand Ausarbeitungen von Figurationen und Figurationsteilen, die entweder nicht in eine spezifische Figuration eingehen oder in Gänze nicht im späteren Werktext verwendet werden.

Epitextuelles Material

Zum Bereich des epitextuellen Materials werden verschiedene Dokumente und Texttypen gerechnet. Dazu zählen:

  • Briefe

  • Lektürenotizen3

  • Stellungnahmen

  • Tagebucheinträge

Diese Materialien bezeugen den Entstehungsprozess über das textgenetische Material hinaus und stützen z.T. Hypothesen der editorischen Erschließung. Die vorliegende Edition fokussiert das unmittelbare textgenetische Material und berücksichtigt epitextuelle Materialien zunächst nicht.


  1. Vgl. Grésillon: Literarische Handschriften, S. 146.↩︎

  2. Jedoch sind nicht für alle Interviewaufnahmen handschriftliche Selektionen vorhanden. Es ist möglich, dass der Teilnachlass hier unvollständig ist, entsprechende Dokumente nie angefertigt wurden oder nicht mehr überliefert werden. Aus arbeitspraktischen Gründen wird hier angenommen, dass jene Ausschnitte nicht überliefert sind. Eine detaillierte Sichtung des Wuppertaler Teilnachlasses sowie die stichpunktartige Sichtung des Nachlasses im DLA förderte keine weiteren Dokumente zutage, die sich über die Auflistung in Abschnitt 3.3.1 (Stand 27.10.2026) hinaus zuordnen ließen.↩︎

  3. Zur Bearbeitung siehe nachfolgenden Abschnitt↩︎