Einführung

Einführung

Bastian Politycki · schriftliche Ausarbeitung, Stand 27.10.2026

Die 20-jährige Odyssee: So eine Freiheit

Entstehungsgeschichte

Dann kamen die Frauen, und da hat die ganze Bundesrepublik, alle haben das abgelehnt, So eine Freiheit. Dann war ich müde. Dann mochte ich nicht mehr. Und dann kam natürlich auch die Zeit, 76, 77, da gings schon in die 80er Jahre rein. Da war O-Ton – ich war sowieso der einzige, der das so gemacht hat. Mich haben sie auch überall beschimpft als Menschenzerschneider.1

So eine Freiheit nimmt im Kanon der Hörspielarbeiten Wührs eine gewichtige Sonderrolle ein. Das obige Zitat zeigt, dass die Hürden der Produktion über die insgesamt 20 Jahre hinweg ein entscheidender Grund dafür sind. Das Stück bildet den Abschluss einer Tetralogie aus vier O-Ton-Hörspielen, zu der außerdem Preislied, Trip Null und Verirrhaus gehören. Grundlage dieser Arbeit bilden, wie bei den drei vorherigen auch, im Vorfeld geführte und auf Tonband aufgezeichnete Interviews. Wühr interviewte im Frühjahr 1972, in enger Zusammenarbeit mit seinem damaligen Assistenten, elf Frauen und Mädchen unterschiedlichen Alters, Berufs und sozialer Herkunft zu ihren sexuellen Erfahrungen. Die interviewten Frauen wurden, wie auch alle anderen Personen, die Wühr für seine O-Ton-Arbeiten interviewte, vorab über das Ziel der Arbeit aufgeklärt und erhielten vom Autor eine Zusage, die ihre individuellen Persönlichkeitsrechte schützte.2 An der Auswahl der Interviewpartnerinnen und der Erhebung des Materials war Wühr jedoch nur in geringem Maße beteiligt. So findet sich in einem Brief von Jürgen Geers folgende Passage:

Ich habe 1972 in aufwendiger Recherchearbeit 11 Frauen ausfindig gemacht, die bereit waren, in Interviews Auskunft über ihre sexuellen Erfahrungen zu geben. 9 dieser sehr ausführlichen Interviews habe ich allein durchgeführt, bei zwei Befragungen war Herr Wühr zugegen.3

Als Urheber oder gar Autor des Hörspiels sieht sich Geers hingegen nicht:

Was meine Mitarbeit anbelangt, so möchte ich sie als „Mitarbeit“ bezeichnet wissen. Ich habe ja seinerzeit – Paul war kurzfristig erkrankt – den Großteil der Aufnahmen selbständig gemacht, hinzu kommen die Recherchen. [...] Mein Vorschlag: Paul ist alleiniger Autor von „So eine Freiheit“ [...].4

Das so gesammelte Material bildete sowohl in phonographischer als auch in schriftlich transkribierter Form die Grundlage der weiteren Arbeit. Die Fertigstellung des Projektes, das zunächst unter dem Titel Frauenstück firmierte, kann auf den Spätsommer desselben Jahres datiert werden. So kündigt der Autor in einem Briefwechsel mit Johann M. Kamps, der als Redakteur in der Hörspielabteilung des WDR tätig war, die Fertigstellung des Manuskripts für Mitte September an.5 Doch weder der WDR noch der BR, die bereits zuvor mit Wühr zusammengearbeitet hatten, waren bereit, die Produktion und Sendung des Stücks zu übernehmen.6 Der Grund dafür war jedoch nicht die übliche Kritik am O-Ton-Verfahren selbst, sondern vielmehr eine inhaltliche.7 Daher schreibt Kamps an Wühr zur Erklärung:

Ich sagte Ihnen schon am Telefon, daß ich „So eine Freiheit“ soweit sich das aus dem Text ersehen lässt, für das gelungenste und beste Stück ihrer O-Ton-Reihe halte. [...] Meine Kollegen, mit denen die Entscheidung über ihr Frauenstück zu treffen war, teilen diese Meinung in keinem Punkt. [...] Die übrige Kritik war fatal. Sie hält das Frauenstück für ein Stück peinlichen Voyeur-(écouteur-)ismus, demgegenüber jeder mittelprächtige Porno überzeugender arbeite [...].8

Der Argumentation von Wolfgang Lukas folgend lässt sich dieser Umstand als ein Beleg dafür verstehen, dass Wühr mit seinem Stück „einen neuralgischen Punkt der damaligen bundesrepublikanischen Gesellschaft berührt hatte“, was zumindest für die angedachte radiophone Produktion und Ausstrahlung gilt. Der Veröffentlichung der schriftlichen Form standen keine Hindernisse entgegen.9 So erschien So eine Freiheit zunächst nur schriftlich, gemeinsam mit den Arbeiten der O-Ton-Tetralogie als sog. Originaltext-Buch. Darüber hinaus realisierte auch das Dramatische Zentrum Wien, ein Zentrum für experimentelles Theater zwischen 1972 und 1989, eine Fassung für die Bühne unter dem Titel Papa. Erfahrungen im Patriarchat. Obwohl sich der Autor „mit der schriftlichen Form von ‚So eine Freiheit‘ zufrieden“ gab10, kam es dennoch 20 Jahre später zur tatsächlichen radiophonen Umsetzung des Hörspiels. So nahm Wühr auf Initiative Lutz Volkes, der das Stück gewissermaßen wiederentdeckte und Manfred Mixner, den Leiter der Hörspielabteilung des SFB, überzeugte, die Arbeit an So eine Freiheit wieder auf. Wühr begann zunächst in seiner Wahlheimat am Trasimenischen See mit der Umarbeitung der schriftlichen Fassung. Ab dem 16. März 1992 führte Wühr die eigentliche Arbeit gemeinsam mit einem Team um Erdmann Müller im Berliner Tonstudio fort. Da der Autor selbst Regie führte, konnte er in dieser letzten Kompositionsetappe zahlreiche Änderungen vornehmen; hierzu zählt insbesondere der eher minimalistische Einsatz radiophoner Effekte, im Unterschied zu den vorherigen O-Ton-Hörspielen. Die Ursendung fand am 16. Juni 1992 im SFB statt.


  1. Wühr und Cejpek: Wenn man mich so reden hört. Ein Selbstgespräch, S. 125.↩︎

  2. So steht es in den Einverständniserklärungen, die vorab ausgefüllt wurden: „Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass beim O-Ton-Verfahren Sätze und Wörter durch extreme Schnitttechnik aus dem Zusammenhang gerissen werden und in anderen Zusammenstellungen auftauchen können. Meine Anonymität bleibt gewahrt.“ Siehe beispielhaft Anhang B.1 (Stand 27.10.2026), Abb. B.2.1 (Stand 27.10.2026).↩︎

  3. Brief von Jürgen Geers an Manfred Mixner, datiert auf den 23.03.1992. Enthalten im Teilnachlass, der sich im RBB befindet.↩︎

  4. Kopie eines Briefes von Jürgen Geers an Inge und Paul Wühr, undatiert. Enthalten im Teilnachlass, der sich im RBB befindet.↩︎

  5. Vgl. hierzu den Brief von Paul Wühr an Johann M. Kamps, datiert auf den 29. August 1972.↩︎

  6. Im Rahmen einer Forschungsreise im Herbst 2022 zum ehemaligen Haus der Wührs in Passignano gelang es eine Reihe von bis dahin unbekannten Briefwechseln zwischen Wühr und verschiedenen Rundfunkanstalten einzusehen. Aus diesen geht u.a. hervor, dass nicht nur Kontakt mit den hier erwähnten Rundfunkanstalten bestand, sondern auch mit dem HR. Auch dieser lehnte nach rund einjährigem Kontakt die Produktion ab. Vgl. Anhang B.1 (Stand 27.10.2026), Abb. B.2.2 (Stand 27.10.2026).↩︎

  7. Zur Rezeption von Wührs Arbeiten vgl. Hallstein und Kohli: Paul Wühr. Die Rezeption in der Literaturkritik, hier S. 14.↩︎

  8. Brief von Johann M. Kamps an Paul Wühr, datiert auf den 06.10.1972, Teilnachlass Wuppertal.↩︎

  9. Lukas: Medienwechsel und produktionsästhetische Logik, S. 101.↩︎

  10. Dies belegen Tagebucheinträge, beginnend mit jenen vom 3. März 1992. Vgl. A: Wühr, Paul. Kiste 81. Mappe 1.↩︎